DDR-Museum erhält Lotto-Museumspreis

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am Samstag, den 2. Dezember 2017 wurde dem „Lernort Demokratie – Das DDR-Museum Pforzheim“ der Lotto Museums-Extrapreis im Schauwerk in Sindelfingen verliehen. Auf dem Bild sehen Sie von rechts Jan Merk, Präsident des Museumsverbands Baden-Württemberg, „Schauwerk“-Mitbegründerin Christiane Schaufler-Münch, „Schauwerk“-Direktorin Barbara Bergmann,, Lotto-Geschäftsführerin Marion Caspers-Merk, Birgit Kipfer Vorsitzende der Stiftung „Lernort Demokratie – Das DDR Museum Pforzheim, Volker Römer Vorsitzender des Vereins „Gegen das Vergessen“ und Moderator Markus Brock.

Alle Mitarbeiter, Mitglieder und Stifter freuen sich über die Würdigung der ehrenamtlich geführten Einrichtung. Der Preis über 5000 € wird für den Ausbau  zweier Kellerräume und die Einrichtung von Wechselausstellungen verwendet werden.

Die Laudatorin für das DDR-Museum Pforzheim bei der Preisverleihung – Susanne Schmalz Ressortleiterin Aktuelle Kultur beim SWR2  – hat so nette treffende Worte über unsere Einrichtung gefunden, das ich sie Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Wie riecht eine sozialistische Diktatur? Wie fühlt man sich in einem Verhörraum der Stasi? Wie sieht eine Original-Zellentür in berüchtigten Gefängnisse wie Bautzen, Hoheneck oder Hagenow aus?

Der Unrechtsstaat DDR war das Lebensthema von Klaus Knabe, einem gebürtigen Dresdner. Einen Monat vor dem Mauerbau im Juli 1961 flüchtete er mit seiner Frau Brigitte in den Westen und ließ sich in Pforzheim nieder.
Als die Mauer fiel, machte sich das Ehepaar umgehend daran, authentisches Material zu finden und zu sichern. Wie besessen sammelten sie, was sie finden konnten – einen elektrischen Signalzaun vom Todesstreifen, die Front einen „Trabbi“ mit Motorengeräuschen und Gebrauchsgegenstände aus Plaste und Elaste aus Schkopau.
Knabe fuhr sogar an die innerdeutsche Grenze und montierte DDR-Grenzpfosten ab.
Er sagte in einem Interview: „Die Lehrbücher, Propaganda-Symbole und anderes flogen regelrecht auf die Straße. Man musste es nur aufheben. Meine Sammelleidenschaft, verbunden mit politischem Engagement, war der Grundstock unseres DDR-Museums.“

Im Gegensatz zu vielen anderen ging es dem Ehepaar Knabe nicht um Devotionalien oder um Ostalgie. Nein, für sie war klar, die Erinnerung an die zweite Diktatur auf deutschem Boden muss wachgehalten werden, und ebenso an die graue Banalität des Alltags in einem Unrechtsstaat, der die Menschenrechte mit Füßen getreten hat, schonungslos.

Die Sammlung war anfangs auf dem Dachboden des Privathauses untergebracht. Bald stellte die Stadt Pforzheim Räume zur Verfügung, und ein einzigartiges Museum entstand. Es deckt alle wesentlichen Aspekte des Lebens in der ehemaligen DDR ab. Über Jahre kümmerten sich die Knabes als leidenschaftliche Verfechter von Demokratie und Freiheit um den Fortbestand des Museums.

Nach dem Tod des Gründerpaares wird das Museum weitergeführt von der Stiftung „Lernort Demokratie – Das DDR-Museum Pforzheim“ mit der Stiftungsvorsitzenden Birgit Kipfer. Trägerverein ist „Gegen das Vergessen“ e. V. unter dem Vorsitz von Volker Römer.

Der Wandel des DDR Museums Pforzheim, ursprünglich initiiert von den starken Gründer-Persönlichkeiten Klaus und Brigitte Knabe zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte -und in Teilen auch der eigenen Geschichte, wurde im Laufe der Jahre zu einem Lernort für Demokrati. Beim Blick zurück stehen zu bleiben, war für den Verein keine Option. Rasch wurde klar, es geht um die kritische Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit ebenso wie um aktuelle und grundlegende Fragen der Demokratie.

In 14 Ausstellungsräumen und einem Depot von 6.000 Objekten entstand nach einem pädagogischen Konzept der Stiftungsvorsitzenden Birgit Kipfer und wissenschaftlich begleitet von der Historikerin Florentine Schmidtmann ein DDR-Panoptikum von den Anfängen 1945 bis zur deutschen Wiedervereinigung.

Das Museum zeigt den politischen Aufbau der DDR, die sozialistische Ideologie, das Privat- und Arbeitsleben, aber auch die allgegenwärtigen Repressionen und stetigen Versuche der Indoktrination.

Die Mitarbeiter des Museums stehen im engen Kontakt zu den wichtigen Gedenk- und Forschungsstätten der Bundesrepublik, ebenso mit Universitäten, die sich mit der ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone und der DDR wissenschaftlich befassen. Es gibt spezifische Themenführungen für Schulklassen, Museumsrallyes, Schulprojekte mit Zeitzeugen und Lehrerfortbildungen. Dazu kommen Lesungen, Vorträge und Diskussionen, an denen u.a. bereits auch Ex-Bundespräsident Joachim Gauck und der Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn, teilgenommen haben. Das Museumsteam stellt sich auch aktuellen Debatten, mischt sich ein und sucht die Diskussion. Diese Veranstaltungen haben für eine breite Wirkung weit über die klassische Museumsarbeit hinaus gesorgt.

Man würde hinter all diesen Aktivitäten ein großes Team vermuten, aber das Haus ist ehrenamtlich geführt. Das Kultusministerium Baden-Württemberg stellt einen Studienrat für 8 Wochenstunden bereit und die Landeszentrale für politische Bildung finanziert mit 450 Euro eine studentische Hilfskraft. Dem großen Engagement des Museumsteams und der Ehrenamtlichen ist es zu verdanken, dass grundsätzlich für alle Interessierten, insbesondere Schulklassen, sich jederzeit anmelden können. Dann stehen Zeitzeugen und Vereinsmitglieder auch unter der Woche für Führungen zur Verfügung, um gerade bei den jungen Menschen das Bewusstsein für Demokratie und Menschenrechte zu schärfen.

Mittlerweile ist es auch den Kritikern, die ein solches Museum im Westen für deplatziert hielten, klar geworden, dass das DDR Museum Pforzheim nicht nur einmalig im westlichen Teil Deutschlands ist. Es leistet einen wertvollen Beitrag im Südwesten. Die DDR war fern, aber was hat sie unmittelbar mit uns zu tun? Flüchtlinge aus dem Osten mit ihren Erfahrungen mussten im Westen ankommen und sich integrieren, gleichzeitig waren Westdeutsche herausgefordert, sich in die Probleme und Erfahrungen der neuen Mitbürger hineinzudenken.

Wir leben in schwierigen Zeiten, in denen Errungenschaften wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Toleranz nicht mehr selbstverständlich sind. Abgeordnete, die nicht verlässlich auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, ziehen in Parlamente ein. Rechtsextreme, Rassisten, Nationalisten, Chauvinisten, Radikale jeglicher Couleur melden sich lautstark im Netz und im öffentlichen Diskurs.
Hätten wir je gedacht, dass auf Demonstrationen sogenannte „besorgte Bürger“ mit selbstgebauten Galgen und Stricken marschieren würden, um die Regierung symbolisch aufzuknüpfen? Hätten wir je gedacht, dass das Holocaust-Mahnmal öffentlich als „Denkmal der Schande“ betitelt werden könnte?

Eine Demokratie ist nicht einfach da, und – vor allem – sie bleibt nicht von allein, sagte Ex-Bundespräsidenten Joachim Gauck. Er hat recht, die Aufgabe, uns für die Demokratie aktiv einzusetzen, ist aktueller denn je.

Das DDR-Museum Pforzheim-Lernort für Demokratie leistet dazu einen unschätzbaren Beitrag. Deshalb erhält das Museum in diesem Jahr den Extra-Preis des Lotto-Museumspreises für außergewöhnliche Leistungen. Ich gratuliere Ihnen im Namen der Jury herzlich und wünsche Ihnen weiterhin viel Energie, große Freude und breite Unterstützung für Ihr so wichtiges Engagement !!

Susanne Schmalz

 

 

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